Presseaussendung 87. Kunstauktion/Kat.Nr. 538
Elfenbeinpferd in spielerischer Pose
Wien, um 1700

Richtige Darstellung des Pferdes in spielerischer Pose.

Präsentation des Pferdes nach der Restaurierung in unnatürlicher Haltung
Elfenbein, geschnitzt; Darstellung eines auf den Hinterbeinen stehenden Hengstes, die Vorderbeine hochgezogen, angewinkelter, leicht zur Seite gewendeter Kopf mit geöffnetem Maul, erweiterte Nüstern, leicht angelegte Ohren; meisterliche Ausführung mit feiner Betonung der Muskulatur und Adern; kunstvoll geschnitzter, mehrfach gedrehter Schweif; alte Bohrung am Bauch; kleine Bohrlöcher an den Hinterhufen deuten auf eine ursprünglich mehr aufrechte Aufstellung hin; linkes Vorderbein wohl ergänzt, minimale Beschädigungen, 2007 fachgerecht restauriert und neu montiert;
H. 20,7 cm; L. 27,5 cm
Provenienz: ehemals Besitz Edelgard von Carnap, Ungarn; seit Mitte der 1950er Jahre in deutschem Privatbesitz, als Arzthonorar dem Vater des derzeitigen Besitzers überlassen
Vgl. Literatur: Maraike Bückling/Sabine Haag (Hg.), Elfenbein. Barocke Pracht am Wiener Hof, Ausstellung Liebighaus, Frankfurt a. M. 2011
Schätzpreis EUR 30.000-50.000
Zur Detailseite
Bei der 81. Auktion am 9. November 2010 wurde dieses Elfenbeinpferd bereits unter der Katalognummer 23 im Kinsky mit einem Schätzpreis von EUR 15.000-30.000 angeboten. Nach einem heftigen Bietergefecht zwischen schriftlichen Geboten, Bietern im Auktionssaal und am Telefon fiel der Hammer schließlich bei einem Meistbot von EUR 245.000. Der Zuschlag erging an den deutschen Handel. Bereits nach kürzester Zeit hat der Käufer jedoch die Beschreibung im Katalog – insbesondere die Datierung in die 2. Hälfte des 17. Jahrhundert beanstandet. Nach Vorlage
eines von ihm in Auftrag gegebenen Gutachtens wurde der Verkauf schließlich wieder storniert.
Wir haben daraufhin zahlreiche Experten konsultiert und unser Pferd auch mit Elfenbeinarbeiten des Kunsthistorischen Museums Wien verglichen. Nach all diesen Recherchen gelangen wir erneut zu dem Ergebnis, dass das Pferd in der Zeit zwischen 1680 und 1720 im Umkreis des Wiener Elfenbeinkünstlers Ignaz Elhafen (1658-vor 1715) und/oder des kaiserlichen Kammerbeinstechers Matthias Steinl (1643/44-1727) entstanden ist. Angesichts des eingangs erwähnten Gutachtens wollen wir jedoch hierfür keine Gewähr übernehmen. Wir sind jedenfalls der Überzeugung, dass die außergewöhnliche Pferdestatuette das Kunstwerk eines Bildschnitzers ist, dem die Wiener Elfenbeinarbeiten des Kaiserhauses sehr vertraut waren. Er kannte mit Sicherheit die kleinen Relieftafeln Elhafens und Steinls meisterliche Reiterstatuetten (heute im Kunsthistorischen Museum Wien, Kunstkammer, Inv. Nr. KK 4662 und KK 4663), die ihn sichtlich beeinflusst haben: Das kleine Elfenbeinrelief von Ignaz Elhafen, das den berittenen Kaiser Leopold I. im Profil wiedergibt (Wien, Kunsthistorisches Museum, Kunstkammer, Inv.Nr. KK 7170), zeigt mit unserem Pferd Parallelen in der Ausarbeitung der Vorder- und Hinterbeine mit den detailreich dargestellten Gelenken und Gelenksfalten, den Hufen und den Hufkronen. Bei beiden Pferden heben sich die Adern plastisch von der glatten Oberfläche ab, wenn gleich jene im Relief noch stärker dem Untergrund verhaftet bleiben. Auch die Ausformung des Kopfes mit dem geöffneten Maul, den hervorblitzenden Zähnen sowie den geweiteten, die Aufregung des Tieres veranschaulichenden Nüstern gleicht dem Pferd Elhafens stark.
Bronzene Statuetten einzelner, freistehender Pferde, in unterschiedlichen Posen waren um 1600 beliebte Kunstkammerstücke, die oftmals auf alte Stichvorlagen zurückgingen. Im Laufe des 17. Jahrhunderts übernahmen die Künstler diese Motive auch für Elfenbeinarbeiten, die jedoch meist in Kombination mit einer Reiterfigur ausgeführt wurden. Eine vollplastische Pferdedarstellung ohne Reiter – wie unsere – ist aber äußerst selten. Dass unser Pferd nie einen Reiter getragen hat ist offenkundig.
Die angeblich unnatürliche Haltung des Pferdes war ein Hauptargument des Echtheitsanzweifelnden Gutachtens. Dabei hat er sich allerdings von der neuzeitlichen Montierung in der Bauchmitte irreführen lassen. Bei einer Fixierung des Pferdes an den Hinterhufen – kleine Bohrungslöcher sind auch vorhanden – ergibt sich die natürlichere, der Anatomie eines Huftieres entsprechende Bewegung, die aus einer spielerischen Haltung resultiert. Auch die leicht nach hinten geneigten Ohren sprechen für eine solche spielerische Pose.
Besonders hervorgehoben werden muss auch der künstlerisch und technisch einwandfrei gearbeitete Schweif, der erneut die Kunstfertigkeit des Schnitzers veranschaulicht. Er ist nicht, wie in unserem ursprünglichen
Katalogtext und auch in dem Gutachters beschrieben, auf der Drehbank gedrechselt. Der Künstler hat vielmehr aus einem Stück Elfenbein viele millimeterfeine, spiralförmig angeordnete Schnüre herausgearbeitet, die zur Schwanzspitze hin freistehend geschnitzt sind. Sieht man von zwei fehlenden, freiliegenden Stücken ab, ist der Schweif in perfektem Zustand.
Diese für ein barockes Kunstkammerstück sicherlich nicht gewöhnliche Tierdarstellung lässt auf einen pferdeliebenden Auftraggeber mit außergewöhnlichem Geschmack schließen. Namentlich ist dieser nicht erfasst, er ist aber höchstwahrscheinlich im wohlhabenden Hochadel zu suchen, der die kunstvolle Verarbeitung des teuren Materials zu schätzen wusste und sich dieses auch leisten konnte.


