zur Übersicht Lot 0222 - Online-Katalog - , Do, 1. Januar 1970

Egon Schiele (Lot 0222), 118. Kunstauktion, Auktionstage

0222

Egon Schiele

Grüner Zaun (Schmiedehof, Klosterneuburg)

Schätzpreis € 150.000 - 300.000

Meistbot € 420.000
(ohne Aufgeld)

Egon Schiele

(Tulln 1890 - 1918 Wien)
Grüner Zaun (Schmiedehof, Klosterneuburg), 1907
Öl auf Karton; 24,8 × 17,5 cm
Signiert und datiert rechts im Bild: E. Schiele / 07.
Rückseitig von fremder Hand bezeichnet: "Grüner Zaun / Studie aus Klosterneuburg / b. Wien"
Provenienz
Max Kahrer (1878-1937), Klosterneuburg, vom Künstler erworben;
vom Vater der gegenwärtigen Eigentümerin in der Zwischenkriegszeit von Max Kahrer erworben;
seither österreichischer Privatbesitz
Ausstellungen
1908 Klosterneuburg, I. Kunstausstellung, 16. 05. - 30. 06., Nr. 38;
2013 Tulln, Egon Schiele Museum, Der Anfang, 28. 03. - 27. 10, Nr. 47;
2013/14 Ravensburg, Kunstmuseum, Der Anfang, 16. 11. 2013 - 23. 03. 2014, Nr. 47;
2015/2016 Tulln, Egon Schiele Museum
Literatur
Otto Nirenstein, Egon Schiele. Persönlichkeit und Werk, Wien 1930, 39b (o. Abb.);
Otto Kallir, Egon Schiele, Oeuvre-Katalog der Gemälde, Wien 1966, Nr. 58, S. 150 (o. Abb.);
Rudolf Leopold, Egon Schiele: Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Salzburg 1972, Anhang, Nr. VI, S. 606 (o. Abb.);
Gianfranco Malafarina, L'Opera di Egon Schiele, Mailand 1982, Nr. 75 (o. Abb.);
Jane Kallir, Egon Schiele. The Complete Works, New York 1990, WV-Nr. *P. 95 (o. Abb.), S. 279;
Christian Bauer (Hg.), Egon Schiele. Der Anfang, Ausstellungskatalog, München 2013, Nr. 47, Abb. S. 134
Jane Kallir hat das Bild im Original begutachtet und die Echtheit bestätigt. Fotozertifikat von Jane Kallir, 3. März 2017, liegt bei.


Im Jahr 1904 zog Adolf Schiele mit seiner Familie von Tulln nach Klosterneuburg, wo er noch Ende des Jahres an einer progressiven Paralyse verstarb. Der Verlust des Vaters stellte für den vierzehnjährigen Egon Schiele eine einschneidende Zäsur in seinem Leben dar und das Zeichnen diente ihm als notwendiges Ventil. In dieser schwierigen Lebensphase fand Egon Schiele zwei wichtige Mentoren, die seine ungewöhnliche Begabung erkannten und zu fördern verstanden. Der Maler Max Kahrer und Ludwig Karl Strauch, Schieles Zeichenprofessor am Realgymnasium in Klosterneuburg zeigten nicht nur ein waches Interesse für Schieles leidenschaftliches Zeichnen, sie bemühten sich auch, ihn zum Malen und zur Farbe anzuregen. Kahrer, ein aus Temesvar stammender Maler und Initiator einer Künstlervereinigung in Klosterneuburg, versorgte Schiele immer wieder mit dem für ihn zu teuren Malmaterial, zeigte ihm verschiedene Maltechniken und unterstützte ihn mit dem Kauf einzelner Arbeiten. Von Strauch wird übermittelt, dass er dem jungen Künstler riet, zunächst mit Pastell zu beginnen und sich nur auf wenige Farben zu beschränken, nämlich Rot/Rosa, Gelb bzw. Grün/Türkis und Blau/Lavender mit ihren Nuancen, um die Eigenschaften und Wirkungen der Farben verstehen zu lernen. Und beide forderten ihn auch auf, im Freien vor der Natur und dem Motiv zu malen. Tatsächlich zeigen die frühen Ölbilder und Mischtechniken Schieles ein neugieriges, experimentelles Herantasten an die Technik der Pinselführung und ein Ausloten der Farbtöne. Was diesen Bildern vor 1907 im Wesentlichen aber fehlt, ist die Symbiose von Schieles markanter Linie mit der Dominanz des freien Farbauftrags.
Im Herbst 1906 wurde Egon Schiele dank der Unterstützung und Vermittlung seines Lehrers Strauch als bislang jüngster Student mit 16 Jahren an die Akademie der bildenden Künste in Wien aufgenommen. Seine Familie übersiedelte nach Wien und er kehrte nur mehr zu Besuch nach Klosterneuburg zurück.

So auch im Herbst 1907, als er an einem Tag im Schmiedehof des Klosterneuburger Stiftes im Haus Albrechtsbergergasse 4 auf einem kleinen Karton spontan zu malen begann. Die unscheinbare Ecke des Hofes, deren einziger farbiger Blickpunkt ein grüner Zaun darstellt, hat ihn schon ein Jahr zuvor zu einer Studie in Mischtechnik angeregt (Der Schmiedehof in Klosterneuburg, 6. 9. 1906, Leopold Nr. 4, Kallir Nr. 6). Damals wählte er ein Querformat, experimentierte mit der Spritztechnik und konzentrierte sich ganz auf eine farbige wie formale Ausgewogenheit der realistischen Wiedergabe. Wie Rudolf Leopold aber schon feststellte, fehlt diesem Blatt die kompositorische Spannung.

Nach einem Jahr der Experimente und malerischen Widersprüche, nach den ersten akademisch streng formalistischen Akademiekursen, tastete sich Schiele im Laufe des Jahres 1907 an eine seiner Vision von Kunst entsprechenden Verschmelzung von Linie und Farbe heran. Eines der ersten überzeugenden Gemälde dieser geänderten Auffassung entstand im Sommer 1907 in Triest, wohin Schiele mit seiner Schwester Gertrude des Öfteren spontane Reisen unternahm und zahlreiche Studien von den Schiffen im Hafen vollendete. Um die unruhigen Reflexe der Formen im Wasser wiederzugeben, griff hier Schiele erstmals nach dem Malen zum Bleistift und zog lineare Spuren voll erfrischender Dynamik und Provokation in die Farbe ein (vgl. Hafen von Triest, Leopold Nr. 73, Kallir Nr. 84).

Das vorliegende Gemälde aus dem Hof des Klosterneuburger Stiftes entstand vermutlich etwas später im Herbst dieses Jahres. Schieles Herangehensweise ist hier ganz ähnlich. Er wählte ein Hochformat für den kleinen Malkarton, begrenzte damit den Ausschnitt und verschärfte die Tiefenperspektive. Mit raschem Pinsel, tief in die Ölfarbe getaucht, formulierte er die Hofgebäude, den Pflasterboden, den Zaun und die Hühner. Die Striche sind kurz, laufen in verschiedene Richtungen, vermischen sorglos die Farben. Und am Ende dieses wohl nur kurzen Malvorganges, drehte Schiele den Pinsel um und grub mit dem Stiel bzw. einem Bleistift in eigener Leidenschaft Kürzel in die noch feuchte Ölschicht. Und die Hühner erhielten Federn, die Weinranken ein eigenes Leben und dieser unscheinbare Winkel eine malerische Bedeutung.

Egon Schiele war zufrieden und reichte dieses Bild mit neun weiteren kleinen Formates für seine erste Ausstellungsbeteiligung im Kaisersaal des Augustiner-Chorherren-Stiftes Klosterneuburg ein. Zwischen dem 16. Mai bis Ende Juni 1908 fand hier die von Max Kahrer organisierte "I. Kunstausstellung, Klosterneuburg" statt, deren Einnahmen für die Tageskinderheimstätte gedacht waren. Für Schiele war es sein erster öffentlicher Auftritt, der mit Erfolg belohnt wurde. Das Gemälde "Grüner Zaun (Schmiedehof, Klosterneuburg)" wurde in der Preisliste mit 90 Kronen angesetzt und von Max Kahrer selbst erworben. Noch wichtiger aber war die Aufmerksamkeit, die diese frühen Arbeiten erzielten. Heinrich Benesch, der spätere große Mäzen und wichtige Wegbegleiter des Malers, war einer der Besucher, der – wie er in seinen Erinnerungen festhielt – schon damals bemerkte, dass diese „kleinen, hauptsächlich landschaftlichen Ölstudien, die flott und sicher gemalt waren (vielfach mit dem Pinselstiele kräftig und zielbewußt in die nasse Farbe hineingearbeitet) … Eigenart verrieten." (Heinrich Benesch, Mein Weg mit Egon Schiele, 1943 verfasst und 1965 erstmals erschienen; zitiert nach: K. A. Schröder, Egon Schiele, Wien 2005, S. 379). Das Gemälde "Der grüne Zaun" ist daher einer der frühesten, nun wieder aus Privatbesitz aufgetauchten Ölgemälde Schieles, in der seine unverwechselbare Handschrift deutlich zutage tritt. (MHH)